Zorro und der Bruterfolg

Auch in diesem Jahr wollten wir wieder für die Austernfischer auf Oland wissen, wie viele junge Vögel flügge werden. Nun ist die Zeit der Erfassungen draußen vorbei und ich kann beginnen, Daten und Fotos zu sortieren und in eine Form zu bringen. Mein Beitrag im Blog heute ist meinem Lieblings- Austernfischer Zorro gewidmet. Zorro trägt die schwarze Maske, denn er (oder sie, im Weiteren „er“, der Vogel, genannt) ernährt sich im Hafenbecken von Oland, wo es ganz schön schlickig ist. Sein Brutplatz befindet sich direkt am Hafen, deshalb kennen ihn auch viele Olandbesucher. Wenn es direkt über einem schreit und flattert und dann plötzlich am Kopf rumst, ist Zorro dabei, sein Gelege oder seine Küken zu verteidigen.

DSC01492 (2)                                                               Zorro, mein Held. Foto von Julia Pasinski. Ich glaube, er ist auch ihr Held 🙂
Austernfischer müssen bei der Wahl ihrer Brutplätze vieles bedenken. Nah an der Nahrung bedeutet unter Umständen Überflutungsgefährdung. Menschenfreiheit bedeutet manchmal Möwenkolonienähe. Ruhige und friedliche überflutungsfreie Wiesen bedeuten oft einen weiten Weg zur Nahrung.
Der Oländer Hafen bedeutet tolle Nahrung, überflutungssichere Kanten, aber viele viele Menschen, die nichtsahnend in Gelegenähe geraten. Also ist Zorro lediglich beherzt und nicht etwa aggressiv, wenn er menschliche Störungen mit Angriffsflügen beantwortet. Wir haben angefangen…

DSC_0252                                                                Spitzer Vogelschnabel auf menschlicher Augenhöhe….
Zorro hatte dieses Jahr Bruterfolg, wie so oft in den letzten Jahren. Seine Rechnung ist also aufgegangen. Er hat es sogar geschafft, sein Küken vor uns zu verstecken, bzw. uns respektvoll auf Abstand zu halten, bis es flügge war, so dass wir es nicht farbberingen konnten. Aber Zorro selbst hat dieses Jahr Farbringe bekommen, denn mich interessiert es brennend, ob der Vogel sich im Winter auch irgendwie „anders und besonders“ verhält. Ich möchte ihn gerne auch außerhalb der Brutzeit erkennen können.

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                                                                Links der Nachwuchs. So propper müssen Küken aussehen! Foto: Julia
Zorros Verhalten, welches uns zum Kopf schützen und auf dem Boden werfen bringt und ihm Bruterfolg beschert, ist eine Ausnahme. Eine besondere Strategie, denn dazu sind einzelne Individuen beim Austernfischer durchaus fähig. Die große Masse der anderen Vögel hatte dieses Jahr wieder große Probleme bei der Aufzucht der Küken. Der Bruterfolg ist auf den Halligen zwar noch relativ gut, aber keineswegs so, dass man sich beruhigt zurücklehnen kann. Die Bestände der Austernfischer schwinden Wattenmeerweit dahin und über die Ursachen kann man bisher leider lediglich Vermutungen anstellen. Extreme Witterungseinflüsse, veränderte Nahrungsverfügbarkeit, Prädation (also Eier- und Kükenklau durch andere Tiere, mit und ohne Fell)und menschliche Einflüsse sind hier nur einige Stichworte, die den schlechten Bruterfolg erklären könnten.

DSC_0250                                                               Nach der Beringung lief Zorro ein paar Meter von uns weg, drehte um, nahm Rasmus aufs Korn..
Wissenschaftliche Fragestellungen kann man mit Einzelschicksalen nicht beantworten. Aber einzelne Vögel für ihren Mut, ihr Geschick und das Stimmvolumen zu bewundern, das ist trotzdem irgendwie wichtig für mich. Mein Dank geht an Julia für die wunderschönen Fotos und an Maria und Rasmus, die sich dem geliebten Untier mutig gestellt haben.

Aus Flaumbällchen werden Vögel

Die Brutzeit der Austernfischer geht nun in die letzte Phase. Oland ist einer der Standorte, an denen ein bisschen genauer nach dem Bruterfolg der Austernfischer geguckt wird. Hier scheint der Bruterfolg immer noch einigermaßen gut, wenn auch von Jahr zu Jahr schwankend. Welche Gründe hat es nur, dass die Bestände des Austernfischers in den letzten 20 Jahren um die Hälfte gesunken sind? Niemand weiß es genau, aber man denkt in verschiedene Richtungen. Es muß etwas damit zu tun haben, dass der Bruterfolg nicht gut ist – und das schon seit Jahren. Aber warum ist das bloß so?
Dieses Jahr war der Schlupferfolg gar nicht so schlecht, wenn auch auf einigen Flächen ein Hochwasser viele Nester davon geschwemmt hat. Dieses hier hat gerade noch so Glück gehabt.


Gerade geschlüpft, ist Regen und Kälte für die kleinen Flaumbällchen gar nicht gut. Und davon hatten wir leider dieses Jahr zu viel. Die Altvögel versuchen, die Küken warm zu halten, aber dies misslingt oftmals. Ist das Watt oft unter Wasser, wie meistens in Wetterlagen mit viel Wind aus West, dann wird es auch mit der Nahrungssuche schwierig.


Der Bruterfolg wird daran gemessen, wie viele Küken flügge werden. Heute haben wir die ersten fast flüggen Küken mit Farbringen beringt. Sie sind dann einen knappen Monat alt und werden rund um die Uhr von den Eltern bewacht und gefüttert.

Diese Ringe lassen sich aus größerer Entfernung ablesen, ohne den Vogel stören zu müssen. So können wir verfolgen, wie es den kleinen Austernfischern weiter ergeht. Wo werden sie ihren ersten Winter verbringen und kommen sie im nächsten Jahr wieder nach Oland? Wo werden sie als erwachsene Vögel ihre Brutreviere finden? Wir sammeln zu diesen individuell markierten Vögeln natürlich auch viele andere interessante Daten und Beobachtungen und das Oländer Team ist auch nur eines von mehreren. Mindestens einmal im Jahr treffen wir AuFi – Forscher uns und legen unsere Puzzleteile zusammen. Vielleicht können wir helfen,  einige Rätsel  zu lösen.

„Kurz auf die Waage“ gehört auch zur Prozedur, aber danach geht es dann sofort wieder in die Freiheit. Das ganze beringen, messen und wiegen dauert pro Vogel höchstens 3-5 Minuten. Die Altvögel stehen schimpfend in einiger Entfernung, lassen das Geschehen nicht aus den Augen und kehren dann sofort zum Küken zurück, wenn wir es am Fangplatz wieder freilassen.

Löffler- Beringung auf Hallig Oland

Seit einigen Jahren brüten im Vorland von Oland Löffler. Die Kolonie ist in den ersten Jahren stetig angewachsen und nun scheint sie sich bei etwa 55 Brutpaaren einzupendeln. Im Bereich des Schleswig- Holsteinischen Wattenmeers hat Oland die größte Kolonie dieser wunderschönen weißen Vögel. Das nachfolgende Bild stammt übrigens aus einem früheren Jahr. So schön blau war der Himmel heute leider nicht…


Jedes Jahr werden einige der Vögel mit Farbringen markiert. Diese Ringkombinationen lassen sich mit etwas Übung und einem Fernrohr gut ablesen und man erfährt, wo die hier geborenen Vögel sich in späteren Jahren zur Brut ansiedeln und wo sie sich aufhalten, wenn sie nicht auf der Hallig sind. Den Winter verbringen unsere Löffler meistenteils in Westafrika. Auf folgendem Foto sieht man die heute markierten Jungvögel, die fast flügge sind. Links neben den Vögeln erkennt man eines der typischen Turmnester der Löffler. Mit dieser Art des Nestbaus sind sie die Gewinner des Klimawandels im Wattenmeer. Ein Hochwasser wie wir es gestern hatten, kann ihnen nichts anhaben.


Wir arbeiten seit Jahren mit einem gut eingespielten Beringungsteam. Am Beringungsort läuft alles ganz ruhig und trotzdem zügig ab. Jeder Handgriff muss sitzen, damit die Vögel nicht in Aufregung geraten. Das hat heute wieder perfekt geklappt.


Am Beringungstag sind immer schon einige Jungvögel flügge, die meisten sind im perfekten Beringungsalter von knapp einem Monat und einige frisch geschlüpfte Küken und sogar Eier sind ebenfalls noch vorhanden. Diese Küken sind wirklich noch ganz neu auf dieser Welt und wir haben sie während der Beringungszeit  vorsichtig mit Tüchern abgedeckt, damit ihnen weder Kälte noch Möwen schaden kann. Ist es nicht faszinierend, dass selbst diese Lütten schon Löffelschnäbelchen haben?


Der beste Beobachtungsort für Löffler ist übrigens nicht die Hallig selber, sondern der Hauke-Haien-Koog am Festland, wo sich alle Löffler dieses Bereiches nach der Brutzeit treffen. Von Juli bis September kann man dort  den Anblick der majestätischen Vögel genießen und auch die Beringungen ablesen (und gerne an mich weitermelden). Der Brutplatz auf Oland liegt im Bereich des Nationalparks und darf nicht betreten werden.

Gänsepaare

Oha – Paparazzibilder von der Halligfenne. Besser ging es leider nicht – mit dem iPhone durch’s Spektiv und auf die Schnelle. Zu sehen ist ein beringtes französisches Gänsepaar, das mir hier auf der Ockenswarft in den letzten Tagen regelmäßig vor’s Fernrohr läuft:

Die beiden heißen GRY4 und GPY5 und haben mich bei unserer ersten Begegnung mit der Ähnlichkeit ihrer Ringe ordentlich verwirrt. Die Gänse wurden 2007 auf der Île d’Oléron im Westen von Frankreich beringt und werden seit 2010 in jedem Frühjahr zusammen auf Hallig Hooge gesichtet. Hier grasen sie immer so nah beieinander, dass einem Rs und Ps, Vieren und Fünfen vor dem Spektiv schnell durcheinander geraten.

Anfang April hatte ich schon mal die Ehre mit einem Pärchen: RPNK und RPNA kamen von der englischen Südküste und hatten erst Ende März ihre Farbringe bekommen. Beringte Gänse abzulesen ist immer klasse – aber Paare sind nochmal ein besonderes Vergnügen.

Ringelgans OFRF – In Würde gealtert

Zu meinen größten Freuden gehört es, im März und April die ankommenden rastenden Trupps von Ringelgänsen nach farbberingten Vögeln durchzusehen. Die Farbringe sind mit einem guten Fernrohr aus einer Entfernung abzulesen, mit der man als Beobachter die Vögel nicht stört. Jede Farbringkombination wird nur einmal vergeben und so kann man einzelne Individuen sicher erkennen. Jedes Jahr freue ich mich so auf einige alte Bekannte. Seit dem 3.3.12 lässt sich auf Oland eine einzelne Gans beobachten, die nicht ganz fit erscheint. Julia Pasinski gelang es heute, die Gans zu fotografieren.


Sie humpelt ein bisschen und ihr Alleinsein ist auch ungewöhnlich für diese gesellige Vogelart mit dem beeindruckenden Sozialleben. Zum Glück ist der Vogel farbberingt und ließ sich von mir ablesen. Über die Internetseite http://www.geese.org, auf der ich als Beobachter angemeldet bin, konnte ich herausbekommen, woher seine leichte Gehschwäche kommt: Diese dunkelbäuchige Ringelgans wurde im August 1995 in Sibirien als erwachsener Vogel beringt. Gänse können 20 Jahre und älter werden, aber mit mindestens 18 Jahren ist dieser Ganter auf jeden Fall ein alter Herr. Wie oft wird er wohl die rund 5000 km vom Wattenmeer zum Brutplatz auf der nordsibirischen Halbinsel Taimyr zurückgelegt haben und was wird er alles für Abenteuer erlebt haben? Viele Gefahren lauern auf jedem Zugweg. Auf folgendem Foto von Pia Reufsteck, auf Oland im Mai 2011 aufgenommen, sieht man eine Ringelgans mit von Schrot zerschossenen Flügeln.


Im letzten Winter war OFRF anscheinend schon zu schwach, um an den angestammten Überwinterungsplatz auf Ameland in den Niederlanden zu fliegen. Während der harten Kältewelle im Februar 2012 wurde OFRF mehrfach auf der Insel Föhr abgelesen. Insgesamt ist diese Gans in den Jahren 1996, 2010, 2011 und 2012 in Russland, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland abgelesen worden, insgesamt vierzehn Mal. Hoffentlich verbessert sich die Kondition des Vogels wieder, jetzt wo die ersten frischen Gräser sprießen. Der hübsche Senior ist mir nämlich noch mehr ans Herz gewachsen, seit ich nun seine Geschichte kenne.
Ringelgänse kommen auf den Halligen zweimal im Jahr vorbei. Im Herbst im Zeitraum Ende September bis November und im Frühling von März bis Mitte Mai. Der Gesamtbestand der dunkelbäuchigen Ringelgans beläuft sich auf etwa 200 000 Tiere. Der Bestand war fast erloschen, erholte sich aber, nachdem die beschlossenen Schutzmaßnahmen griffen. Wichtigster Bestandteil ist hier die Einstellung der Jagd auf Ringelgänse.
Wer nun lecker aufs Gänsegucken geworden ist: Auf Oland sind zur schönsten Beobachtungszeit Ende April etwa 1600 Vögel zu beobachten. Vom 21.-29. April 2012 finden dieses Jahr auch wieder die http://www.ringelganstage.de statt, bei denen man nicht nur die Gänse angucken kann, sondern auch das umfangreiche Rahmenprogramm genießen. Auf der Informationsseite der Ringelganstage findet man auch ein Formular, mit dem man Patenschaften für farbberingte Ringelgänse abschließen kann.
Vielen Dank an Pia und Julia für die schönen Fotos!

Editiert am 19.3.12

Folgende Fotos wurden mir von Anja Feige/Schutzstation Wattenmeer geschickt und zur Verfügung gestellt. Sie hatte „unsere“ Gans im Februar auf Föhr beobachtet und auch fotografiert. Vielen Dank Anja!

 

Ein besonderer Vogel…

Das war ein trauriger Fund gestern im Spülsaum – ein toter beringter Austernfischer, ganz zerfleddert und länger tot.

In der Datenbank nachgeschaut sah ich: das war ein ganz besonderer Vogel, über den wir viel gelacht haben, denn wir haben ihm quasi das Fliegen beigebracht. Als er im Juli 2010 beringt wurde, lief er als ca 28 Tage altes Küken zu Fuß vor uns weg und duckte sich bald in Babyvogel-Manier in einen Graben ab. Ein schönes dickes, fittes Kerlchen, mit 365 g in der oberen Gewichtsklasse.

Beringt und wieder losgelassen, konnte der Vogel sofort fliegen. Und wie gut!

Eigentlich sollte er jetzt bei den anderen Halbwüchsigen sitzen und kliwiepen, statt tot zu sein. Was ist da geschehen?

Oft bekommt man durch Ringfunde ja tolle Informationen, hier reicht es leider nur für einen Anfang und ein Ende. Ich weiß weder, ob der Vogel im Brutgebiet geblieben ist oder etwas von der Welt gesehen hat, noch woran er gestorben ist.

Aber er wird mir auf alle Fälle in Erinnerung bleiben. Als der Vogel, der nur mit Ring fliegen konnte.